Samstag, 27. November 2010

Das fremde Mädchen

Ange
Das fremde Mädchen ©Angelina de Satura


Zärtlich kitzelte die Mutter Robin wach. Er streckte sich und staunte, weil er nicht wie gewohnt in seinem Bett, sondern auf dem Rücksitz des Autos lag. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen und erinnerte sich:
Sein Zuhause, das er kannte, gab es nicht mehr.

Als Mutter und Sohn aus dem Wagen stiegen, blies ihnen ein eiskalter Wind entgegen während sie auf das Haus zugingen, wo Tante Sophie auf sie wartete.
“Hallo kleine Schwester”, begrüßte sie Robins Mama und umarmte sie sehr lange. Anschließend beugte sie sich zu Robin und drückte ihn liebevoll an sich.

Im ganzen Haus duftete es nach Zimt. Der Weihnachtsbaum war schön festlich geschmückt, aber nicht seine Spitze.
Sophie zeigte Robin sein zukünftiges Zimmer und ließ ihn allein. Traurig, schaute er aus dem Fenster und sah Schneeflocken zu, wie sie mit dem Wind tanzten.
Mutter kam herein.
“Ich werde wieder fahren. Du weißt, ich muss noch einiges erledigen.”
Das wusste Robin.
“Ich werde so schnell es geht zurückkommen”, versprach sie ihm.

Robin lag in dem fremden Bett. Er dachte an sein Zuhause, dort wo das laute Piepen eines Feuermelders ihn geweckt hatte.
Es roch so stark nach Verbranntem, dass es einem die Luft wegnahm. Mama trug ihn schnell aus der Wohnung nach draußen.
Gleich darauf holte eine Bekannte Robin ab. Erst viel später kam seine Mutter nach.
Weil ihr Zuhause jetzt unbewohnbar war, musste Robin bei Tante Sophie bleiben.

Er konnte nicht einschlafen weil er großen Durst verspürte. Leise schlich er sich zur Küche an Sophies Schlafzimmer vorbei.
Im Wohnzimmer war der Weihnachtsbaum noch beleuchtet und davor stand ein fremdes Mädchen.
“Wer bist du?”, fragte er.
Erstaunt schaute es ihn an und schrie:
“Du kannst mich sehen? Du kannst mich wirklich sehen?”
“Und auch hören!”
“Oh… Entschuldigung”, sagte es viel leiser.
“Wer bist du?”
Zögernd antwortete es:
“Ich glaube, ich bin ein Engel.”
“Und wo sind deine Flügel? Ich sehe keine.”
Sofort zischte es ihn an:
“Ich sagte auch, ich GLAUBE ein Engel zu sein!”
“Was machst du hier?”
“Ich muss etwas sehr Wichtiges erledigen und du wirst mir dabei helfen”, entschied es einfach.
Robin zweifelte einen Engel vor sich zu haben. Es verhielt sich eher wie eine Zicke, aber das behielt er lieber für sich.
“Gut, ich werde Dir helfen”, entschloss er sich.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, war er überzeugt, alles nur geträumt zu haben.
Mama hatte am Abend angerufen, leider hatte sie noch keine neue Wohnung gefunden.

In der nächsten Nacht bekam Robin wieder großen Durst. Das fremde Mädchen erwartete ihn schon. Es hielt die Arme gekreuzt und tippelte zornig mit den Zehen des rechten Fußes auf den Boden.
“Weiß du, was morgen ist?”, schnauzte es ihn an.
Robin antwortete unsicher:
“Heiligabend?”
Es legte seine Hände auf die Hüfte und tippelte noch schneller mit dem Fuß.
“Und… Hast du etwas vergessen?”
Robin ahnte, was jetzt kam, es würde gleich vor Wut platzen… Nein, es war bestimmt kein Engel.
Doch dann weinte das Mädchen...
“Du hattest es versprochen. Du wolltest mir helfen. Ohne dich schaffe ich es doch niemals!”
Plötzlich kam Tante Sophie herein:
„Hattest du auch Durst?“, fragte sie ihn...
Das fremde Mädchen war verschwunden.

Am nächsten Tag wusste Robin, was er zu tun hatte. Mit Tante Sophies Erlaubnis ging er auf den Dachboden, so wie das fremde Mädchen es wünschte, oder besser gesagt, befohlen hatte!
Dort war es unheimlich duster aber das Engelchen oder was es auch immer war, hatte an alles gedacht. Sie hatte ihm beim ersten Treffen alles genau erklärt. “Also, die Treppe hoch, nach rechts greifen, die Schnur ziehen und…”
Licht! So, wie es ihm beschrieben hatte. Vor ihm war ein Raum voller Geheimnisse. Eine alte Truhe fiel ihm auf. Aber das Engelche, wenn es überhaupt eines war, hatte gesagt: “Lass dich auf keinen Fall ablenken, du musst es finden!”. Doch er musste zuerst diese Truhe öffnen, bestimmt war sie mit großen Schätzen gefüllt.
Als er sich davor hinkniete, hörte er ein Geräusch. Ein Rabe war auf der Dachluke gelandet und beobachtete ihn. Robin wandte sich wieder zur Truhe. Doch der Vogel fing an mit seinem Schnabel auf die Scheibe zu klopfen.
Robin ahnte wer dahinter stecken könnte und rief:
“Ein Rabe als Engelsbote? Wäre da nicht eher eine Taube angebracht?”
Der Vogel krächzte fürchterlich und flatterte wild mit den Flügeln.
“Ist ja schon gut!”, meckerte Robin und entfernte sich widerwillig von der Truhe. Das Federtier beruhigte sich wieder.

“Also, gerade aus bis zur alten Nähmaschine und dann Richtung Puppenhaus.” Von dort aus müsste er dann die Wandgemälde entdecken. Er sah die Bilder, schob sie beiseite und fand es endlich: Ein verstaubtes Geschenk in der Größe eines Schuhkartons.
Er hörte Tante Sophie rufen:
“Robin, Deine Mutter ist am Telefon!”
Er freute sich so sehr, dass er schnell nach unten wollte, doch der Rabe krächzte aufgeregt, denn Robin hätte fast das Geschenk vergessen.
Er nahm es mit und der Vogel flog davon.
“Hallo Mama!”, sprach er in den Hörer.
Die Stimme seiner Mutter klang aufgeregt.
“Schatz, es hat geklappt! Wir haben eine neue Wohnung. Heute Abend bin ich da und werde dir alles genau erzählen.”

Als Mama kam, war es Zeit für die Bescherung. Robin gab Tante Sophie das geheimnisvolle Geschenk. Sie bedankte sich und öffnete es sorgfältig ohne das Papier zu beschädigen. Sie brauchte ewig dafür. Robin war aber sehr ungeduldig. Er wollte wissen, was darin verborgen war, denn das Engelchen, wenn es überhaupt eines war, hatte es ihm nicht verraten wollen.

Zuerst fand Sophie einen Brief. Sie las ihn und weinte plötzlich. Nicht mal Mama konnte sie beruhigen. Als Tante Sophie, in Tränen aufgelöst, Mama den Brief reichte, musste auch sie weinen.
Robin fühlte sich hintergangen. Also ist das fremde Mädchen gar kein Engel, denn Engel bringen Menschen nicht zum Weinen.
Er war enttäuscht und sogar wütend!
“Kind! Wo hast du das her?”, fragte Tante Sophie.
“Vom Dachboden”, antwortete er mit furchtbar schlechtem Gewissen.
Sie umarmte ihn und schluchzte: “Ich bin so glücklich!”
Robin verstand die Welt nicht mehr.
Tante Sophie nahm noch etwas aus dem Karton. Sie entfernte vorsichtig das Seidenpapier und zum Vorschein kam eine Engelsfigur. Tante Sophie stellte sie auf die Spitze des Tannenbaums.

Auch Robin durfte den Brief lesen:

Frohe Weihnachten Mama!
Es tut mir leid, dass die Tannenbaumspitze zerbrochen ist. Ich hoffe einen guten Ersatz gebastelt zu haben.
Ich hab dich so lieb.
Deine Sarah.


Tante Sophie und Mama erklärten Robin, dass Sarah seine Kusine war. Sie starb vor sehr vielen Jahren, noch bevor er geboren wurde. Sie erzählten viele lustige Geschichten über Sarah, bis es Zeit war, ins Bett zu gehen.

Robin wachte wieder durstig auf. Das fremde Mädchen wartete schon. Es strahlte ihn glücklich an und sagte:
“Schau mal!”, und drehte sich
Robin sah seine Flügel, echte Flügel!
Nun flog es um ihn herum und freute sich:
“Ich bin ein Engel! Ein richtiger Engel!”
“Ja, das bist du wirklich”, staunte Robin.
“Dank deiner Hilfe, ist meine Aufgabe erledigt. Ich muss jetzt gehen... huch!… Ich meine fliegen!” und lachte.
“Warte! Wie ist dein Name?” rief er nach.
“ Sarah!”, war die Antwort, bevor der Engel verschwand.

Kommentare:

  1. Ach, das geht ja ans Herz!
    Eine schöne Weihnachtsgeschichte!
    Ich wünsch dir einen schönen 1. Advent
    Michaela

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  2. Liebe Angelina,

    so lernt man die Nachtmenschen kennen.
    Michaela habe ich eben schon bei Irmi
    getroffen.
    Deine Geschichte gefällt uns sehr gut.

    Einen frohen Adventssonntag
    Angela und Elisabeth

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  3. Eine wirklich wunderbar schöne Geschichte

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  4. ...einen schönen 1. Advent Angelina von Geli

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  5. Liebe Angelina,
    eine rührende Geschichte. Passend zu dem heutigen Tage.
    Und sie wirft die Frage auf: Gibt es sie wirklich, die Engel?
    Dir einen schönen 1. Advent und liebe Grüße
    Irmi

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  6. Oh, jetzt ist mir ganz komisch. Das geht ins Herz...Danke, für die liebe Adventgeschichte.
    Ich wünsche Dir einen schönen !.Advent
    Elisabeth

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  7. Eine sehr schöne und besinnliche Geschichte. DANKE dir.
    Herzliche Grüße zum 1. Advent
    Doris

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  8. Diese nette ans Herz gehende Geschichte hat alles in sich vereint, was diese Zeit ausmacht. Dir einen besinnlichen 1.Advent!

    Sei lieb gegrüßt
    Kvelli

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  9. meine liebe Angelina, einen schönen 1. Advent dir und vorallem mit deinen Kindern,Jasmin, ich habe mir viel Zeit zum Lesen und Nachdenken genommen, ich denke das ohne diese Engelseelen es keine Hoffnung und Glauben auf dieser Welt gibt, denn die Hoffnung soll es sein, und auch verbunden mit festem Glauben an das Gute, sonst erstickt man an dieser Zeit, an dieser Welt....

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  10. Bin ganz schön gerührt und wünsche dir einen schönen 1. Advent.
    Und uns allen, dass wir niemals vergessen nachts die Kerzen zu löschen!!!

    Liebe Rosinengrüße

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  11. Liebe Angelina,
    ein richtiges und schönes Weihnachtsmärchen!
    Wäre doch schön, wenn alles zu gut ausgehen würde!
    Wünsche Dir eine schöne und besinnliche Adventszeit!
    Ganz lieben Gruß
    Lilo

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  12. *Gänsehaut* Diese Geschichte geht sehr zu Herzen. Ich wünsche dir ne feine und besinnliche Adventszeit

    LG Shoushou

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  13. ♥ Vielen Dank für das Lesen und Kommentieren ♥

    Einen wunderschönen Wochenstart wünsche ich euch!
    Herzliche Grüße

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  14. Eine wunderschöne Geschichte. danke.
    Liebe Grüße

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  15. Ich habe Dir zu danken, liebe Malesawi :D
    Liebe Grüße

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♥liche Grüße

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Februar 2010

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